Mrs. Harris Goes to Paris Filmkritik (2022)

Es hilft, dass die Titelheldin Ada – eine in London lebende Kriegswitwe, die als bescheidene Haushälterin über die Runden kommt – von der stets verführerischen Lesley Manville gespielt wird, einer Darstellerin von müheloser Anmut und unnachgiebiger Kraft. Es ist unmöglich, sich hier nicht an ihre Figur aus „Phantom Thread“ zu erinnern, wenn man bedenkt, dass beide Filme Couture-fokussierte Ausflüge um die 50er Jahre sind. Aber die umgängliche Mrs. Harris ist Welten entfernt von Cyril, dem stählernen House of Woodcock-Chef mit seinen klappernden Absätzen und einem sachlichen Auftreten. Im Gegenteil, die unermüdliche Weltverbessererin Ada ist so warmherzig, wie ein Mensch nur sein kann. Und Manville sichert sich so schnell das Wohlwollen des Publikums, dass man sich keine Sekunde lang fragt, warum eine fleißige Putzfrau mit begrenzten Mitteln ihre ganzen Ersparnisse für einen überflüssigen Genuss wie ein Designerkleid verpuffen lässt. Schließlich ist dies ein unbeschwertes Märchen, und wer kann schon sagen, dass Mrs. Harris‘ Traum – ein Traum, den sie wahrnimmt, sobald sie zum ersten Mal ein Dior-Kleid im Besitz einer ihrer wohlhabenden Kundinnen erblickt – es nicht ist so gültig wie jedermanns romantische Beschäftigungen?

In „Mrs. Harris Goes to Paris“, der auf einer tiefen Ebene versteht, warum sich ein hübsches Kleid oder ein von Kopf bis Fuß zusammengestelltes Outfit wie eine Rüstung der Unbesiegbarkeit anfühlen kann. (In diesem Sinne ist Ada selbst mit ihrem kleinen Budget nie weniger als elegant oder sogar ein wenig schick, mit ihren hübschen Drucken und hoffnungsvollen Blumen, die ihre Tageskleidung dominieren.) Sie unterstützen also eindeutig das Ziel von Mrs. Harris, besonders einmal Sie spart mit ein wenig Hilfe von ihren Freunden und Fremden genug Geld, das sie immer wieder für sich gewinnt. Und nach einer Reihe von Glücksspielen und seltsamen Beschäftigungen wie Hunderennen findet sich Ava im sagenumwobenen Haus von Dior wieder, das legendär an der Avenue Montaigne liegt.

Das Drehbuch geht nicht so sehr auf logistische Details und Plausibilität ein. Fragen Sie in dieser Hinsicht nicht, wie ein Pollyanna-artiger Zivilist, der nicht wirklich wie der hochmütige Dior-Typ aussieht, beiläufig in das Designerhaus schlendert und sich, bevor Sie es wissen, mit der Chefin des Labels, Claudine Colbert (Isabelle Huppert, gibt Cyril Woodcock rennt um ihr Geld), der gutaussehende Buchhalter der Marke André (Lucas Bravo) und das Topmodel Natasha (Alba Baptista). Genau das passiert jedoch, als der gutaussehende Verehrer Marquis de Chassagne (Lambert Wilson) Mrs. Harris offen unterstützt und sie einlädt, ihn bei der bevorstehenden Modenschau des Labels zu begleiten.